Fakten zu Deutschland

Zwischen fünf und sechs Prozent der deutschen Bevölkerung sind Menschen muslimischen Glaubens. Ihre Geschichte in Deutschland geht über 100 Jahre zurück. Musliminnen und Muslime leben hier ihren Alltag und sind hier zu Hause. Neben den vielen politischen Debatten zum Thema Islam gerät diese Normalität oft aus dem Blick. Wir haben im Folgenden einige Informationen über Muslim_innen in Deutschland zusammengetragen sowie diese um interessante weiterführende Quellen und Literatur ergänzt .

Wenn Sie sich für religionskundliche Themen interessieren wie zum Beispiel Fastenregeln, Feste, Konfessionen, usw., so möchten wir Sie gerne auf die folgenden Informationsquellen verweisen:

https://www.planet-wissen.de/kultur/religion/islam/index.html

https://www.zdf.de/kultur/gods-cloud/islam-erklaert-100.html

Kaddor, Lamya/ Müller, Rabeya: Der Islam: Für Kinder und Erwachsene, 2012.

Halm, Heinz: Der Islam: Geschichte und Gegenwart, 2015.

Geschichte

Der Islam kam nicht erst mit der Arbeitsmigration der 60er Jahre nach Deutschland. Bereits im 18. Jahrhundert lebten in Deutschland Musliminnen und Muslime, diese waren vor allem Wissenschaftler_innen und Student_innen, Kaufleute und Soldaten. In Berlin entwickelte sich bereits 1920 islamisches Leben, hier wurde auch die älteste Moschee Deutschlands 1924 in Berlin-Wilmersdorf erbaut. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten setzte dieser Entwicklung ein Ende, Muslim_innen fielen unter die Rassegesetze und wurden verfolgt und ermordet.

Mit dem Anwerbeabkommen von 1961 begann ein neues Kapitel muslimischen Lebens in Deutschland. Aus der Türkei kamen sogenannte Gastarbeiter_innen nach Deutschland. Sie sollten für einige Jahre am deutschen Wirtschaftswunder mitarbeiten. Später folgten auf der Grundlage weiterer Abkommen muslimische Arbeiter aus nordafrikanischen Ländern und dem ehemaligen Jugoslawien. Aus dem Arrangement auf Zeit entwickelte sich für Viele eine neue Heimat. Nach einem fünfjährigen Aufenthalt hatten sie das Recht, sich niederzulassen, wo immer sie wollten. Viele holten ihre Familien nach oder gründeten Familien in Deutschland.

In den 1980er und 1990er Jahren kamen dann auch Muslim_innen aus weiteren Herkunftsländern, häufig als Geflüchtete und Asylsuchende, so bspw. aus dem Iran im Zuge der Islamischen Revolution von 1979, aus Afghanistan in Folge des Sowjetisch-Afghanischen Krieges oder aus Bosnien im Zuge der Jugoslawienriege.

Einige Zeit spielte sich das religiöse Leben vor allem in privaten Räumen und sogenannten „Hinterhof-Moscheen“ ab, die muslimische Zugehörigkeit der Menschen spielte in der Politik sowie der Öffentlichkeit kaum eine Rolle. Erst mit der zweiten und dritten Generation, den Kindern und Enkeln der Arbeitsmigranten, wurde deutlich, dass aus dem vorübergehenden Aufenthalt ein dauerhafter werden würde. Dies wirkte sich auch auf das religiöse Leben aus. Seit den 1980er Jahren werden vermehrt respräsentative Moscheen gebaut und damit muslimisches Leben auch in der Öffentlichkeit sichtbar.

In den ostdeutschen Bundesländern lebten zur Zeit der DDR nur sehr wenige Menschen mit muslimischen Glauben. Diese waren Vertragsarbeiter_innen, Studierende sowie Geflüchtete aus befreundeten Staaten. Die Ausübung ihrer Religion wurde ihnen jedoch nur sehr eingeschränkt gewährt. Erst in den 90er Jahren wuchs die Zahl aufgrund von Einwanderung und der Aufnahme Geflüchteter, sodass sich in vielen Städten muslimische Gemeinden gründeten. Einen Schwerpunkt zu Geschichte, Zahlen und Alltagsleben von Muslim_innen in Ostdeutschland finden Sie hier: https://www.muslimisch-in-ostdeutschland.de/regionale-informationen/muslim_innen-in-ostdeutschland/

Zahlen und Verbände

Die Mehrheit der Musliminnen und Muslime in Deutschland ist nicht bei einer muslimischen Gemeinde als Mitglied registriert, sodass eine genaue Zählung schwer ist. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hat im Auftrag der Deutschen Islamkonferenz für das Jahr 2015 eine Statistik erstellt. Demnach lebten Ende 2015 zwischen 4,4 bis 4,7 Millionen Muslime in Deutschland. Dies entspricht rund 5,4 bis 5,7 Prozent der Gesamtbevölkerung. Knapp die Hälfte von ihnen hat einen deutschen Pass, ein Großteil ist hier geboren.

Sie gehören unterschiedlichen Richtungen an und bilden neben der Katholischen Kirche (29%) und der Evangelischen Kirche (27%) die drittgrößte Religionsgemeinschaft Deutschlands. Die Gruppe der Konfessionslosen ist mit 36% die größte. (Quelle: Religionswissenschaftliche Medien- und Informationsdienst – REMID)

Strömungen

Im Laufe der Geschichte haben sich im Islam verschiedene Glaubensrichtungen, d.h. Konfessionen, herausgebildet. Die zwei größten Gruppen sind die Sunniten und die Shiiten. Sie bildeten sich nach dem Tod des Propheten Mohammmeds im Jahr 632, weil unter den Anhängern Uneinigkeit herrschte, wer die Nachfolge Mohammeds antreten sollte.

Nach der Studie des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge sind ca. 74% der in Deutschland lebenden Muslime Sunniten; die Schiiten machen ca 7% aus. Daneben gibt es noch die Gruppe der Aleviten, die in Deutschland ungefähr 12% ausmachen. Das Alevitentum ist eine vorwiegend in der Türkei beheimate Glaubensrichtung; manche der Aleviten fühlen sich dem Islam zugehörig, andere sehen sich als eine eigenständige Religion. Neben diesen muslimischen Strömungen existieren in Deutschland noch kleinere Gruppierungen wie bspw. die Ahmadiyya, die Ibaditen und die Sufis.

Islamische Organisationen

In Deutschland existieren viele verschiedene islamische Verbände und Organisationen. Einzig die Ahmadiyya-Muslim-Gemeinschaft (AMJ) ist als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt und damit den christlichen Kirchen gleichgestellt.

Eine der mitgliederstärksten sunnitischen Organisation, insbesondere wegen der großen Anzahl von türkischen Einwanderen, stellt die DITIB dar, die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V. Zusammen mit weiteren Dachverbänden wie dem Islamrat für die Bundesrepublik Deutschland (IRD), dem Zentralrat der Muslime in Deutschland (ZMD) und dem Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) gründete sie im Jahr 2007 auf der Deutschen Islamkonferenz den Koordinationsrat der Muslime in Deutschland.

Insgesamt sind lediglich rund 20 % der in Deutschland lebenden Muslim_innen Mitglieder in religiösen Vereinen oder Gemeinden. Neben den großen Verbänden gibt es auch eine Vielzahl kleinere, bspw. die Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden oder den Liberal-Islamischen Bund. Im Laufe der Zeit haben sich zudem neben religiösen Vereinen auch andere Interessensgruppen organisiert, z.B. das Aktionsbündnis muslimischer Frauen (AMF) oder der Bund moslemischer Pfadfinden und Pfadfinderinnen.

Literatur:

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Hrsg.): Muslimisches Leben in Deutschland im Auftrag der deutschen Islamkonferenz, Nürnberg 2009.

Eine Zusammenfassung der Studie gibt es hier: https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/downloads/DE/themen/gesellschaft-integration/integration/DIK/MLD-Zusammenfassung.pdf?__blob=publicationFile&v=1

Eine anschauliche Graphik von Zeit online (2015) zu Musliminnen und Muslimen in Deutschland finden Sie hier: http://www.zeit.de/gesellschaft/2015-01/islam-muslime-in-deutschland

Spuler-Stegemann, Ursula: Muslime in Deutschland. Informationen und Klärungen, Freiburg 2002.

Mathias Rohe: Der Islam in Deutschland, Bonn 2018.

Muslimisch und deutsch

Abgesehen von ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen innerislamischen Strömungen haben die in Deutschland lebenden Musliminnen und Muslime schon aufgrund ihrer Erziehung, Bildung und Herkunft sehr unterschiedliche religiöse und gesellschaftliche Anschauungen. Die Zugehörigkeit zum Islam ist nur eine neben vielen anderen.

Jeder Mensch lebt neben seiner religiösen Zugehörigkeit, die auch eine atheistische Positionierung sein kann, vielfältige Aspekte seines ICHs. Hierzu gehören familiäre und soziale Bindungen, Beruf oder Ausbildung, Interessen und Stärken, Sprachen, Alter … und viele mehr. Religion ist demnach nur ein Puzzleteil von vielen. Muslimische Mitbürger_innen werden jedoch häufig homegenisiert und vereinheitlicht. Die Tatsache, dass ein Mensch muslimisch ist, wird oftmals stereotyp als eine das ganze Leben umfassende, eindeutige Kategorie aufgefasst. Alle Verhaltensweisen und Motivationen dieser Person werden dann auf die Zugehörigkeit muslimisch zurückgeführt; andere Aspekte der Identität werden dagegen kaum oder gar nicht wahrgenommen.

Schule, Ausbildung, Beruf, Mode, Musik, Umweltschutz, Menschenrechte, Kunst – dass das alles auch Themen von Muslim_innen sind, wird oft übersehen!

Und Muslimisch und deutsch zu sein – das ist für viele Musliminnen und Muslime eine große Selbstverständlichkeit. Knapp die Hälfte von ihnen besitzt einen deutschen Pass und ein Großteil ist in Deutschland geboren.

Einen Einblick in die Vielfalt der in Deutschland lebenden Muslim_innen will das 2014 von der Gruppe I,Slam gedrehte Video geben:

Happy German Muslim –  https://www.youtube.com/watch?v=xfh6pGGrdus

Im Folgenden haben wir einige Internetseiten zusammengestellt, die die Diversität muslimischen Lebens in Deutschland deutlich machen:

  • Das Forum am Freitag ist eine wöchentliche 15minütige Sendung des ZDF zu verschiedenen Themen und Personen rund um den Islam in Deutschland.  https://www.zdf.de/kultur/forum-am-freitag
  • Das Freitagsforum des NDR bietet 5minütige Podcasts mit Reportagen aus dem Alltag von Muslim_innen sowie Berichten über innermuslimische Debatten.  https://www.ndr.de/ndrkultur/sendungen/freitagsforum/index.html
  • Die Gruppe Datteltäter thematisiert in den Filmen auf ihrem Youtube-Kanal mit Humor und Satire Stereotype, gesellschaftliche Engstirnigkeit und das deutsch-muslimische Selbstverständnis und richten sich hiermit vor allem an die junge Generation.  https://www.youtube.com/channel/UCF_oOFgq8qwi7HRGTJSsZ-g
  • Die Gruppe i,Slam bietet jungen Musliminnen und Muslime eine Bühne in der Tradition des Poetry Slam, einer Art Dichterwettkampf.  http://i-slam.de/index.php/de/
  • Die Comiczeichnerin Soufeina Hamed bietet auf ihrer Website eine wahre Fundgrube an Comics und Alltagsszenen rund um das Thema Muslime in Deutschland und Selbst- und Fremdwahrnehmung.  http://tuffix.net/
  • Über ein breites Spektrum an Themen aus dem muslimischen Alltag berichtet auch das Magazin der Deutschen Islamkonferenz.  http://www.deutsche-islam-konferenz.de/DIK/DE/Magazin/magazin-node.html
  • Die verschiedenen Kurzfilme auf den folgenden Internetseiten geben ebenfalls interessante Einblicke in den muslimisch-deutschen Alltag:

http://www.bpb.de/mediathek/221931/begriffswelten-islam

http://www.planet-schule.de/wissenspool/weltreligionen/inhalt/sendungen/islam.html

http://www.wasglaubstdudenn.de/ausstellung/142358/filme-zur-ausstellung

  • Das Onlinemedienangebot funk von ARD und ZDF für Jugendliche und junge Erwachsene bietet in seiner Webserie Germania ein aktuelles Portrait von Deutschland ausschließlich durch die Augen junger Menschen mit Migrationshintergrund:  https://www.funk.net/channel/germania/

Islam und Schule

Die Vielfalt unserer Gesellschaft spiegelt sich an vielen Orten Deutschlands und auch in den Klassenzimmern wider. Muslimische Schülerinnen und Schüler sind ein Teil der Schüler_innenschaft und bereichern mit ihrem Wissen und ihren unterschiedlichen Perspektiven den Schulalltag. Aufgabe der Schule ist es ihre religiöse Zugehörigkeit zu achten und Schülerinnen und Schüler vor Diskriminierung und Benachteiligung aufgrund ihrer Religion zu schützen. Es gilt der pädagogische Grundsatz, dass jedes Kind und jedeR Jugendliche sich mit all seinen Identitätsmerkmalen in der Schule zugehörig fühlen kann. Um dies umzusetzen braucht es Möglichkeiten zur positiven Identifikation – das Gefühl mit dem eigenen Muslimisch-Sein Teil der Klassen- und Schulgemeinschaft zu sein und wenn nötig mit den eigenen Diskriminierungserfahrungen ernst genommen zu werden.
Die Trennung in „Wir“ und „Die“, zum Beipiel Schüler_innen ohne Migrationshintergrund und Schüler_innen mit Migrationshintergrund oder Nichtmuslime und Muslime, produziert ein Gefühl der Nichtzugehörigkeit und kann zu Ausschlüssen führen. Statt dieser Trennungen sollte Diversität als Normalität betrachtet und Raum für die positive Darstellungen von Migrationsprozessen gegeben werden. Verallgemeinernde Gruppenbezeichnung wie „die Türken“, „die Deutschen“ oder „die Muslime“ sollten vermieden werden. Auf individuelle Diskriminierung im Schulalltag aufgrund von Identitätsmerkmalen (z.B. Hautfarbe, Herkunft, Religion) sollten Pädagog_innen sensibel reagieren, den Betroffenen Unterstützung bieten und sich inhaltlich klar gegen Diskriminierungen positionieren. Die Ebene der diskursiven Diskriminierung, zum Beispiel über Medien, kann gemeinsam mit den Themen Respekt und Vorurteile im Unterricht aufgegriffen und thematisiert werden. Hier ist es möglich, die persönlichen Erfahrungen der Schüler_innen mit einfließen zu lassen und ihre Reflexionskompetenzen zu fördern.
Die Zurückdrängung und der reflektierte Umgang mit antimuslimischen und rassistischen Sterotypen und Positionen ist zudem ein wesentlicher Bestandteil der Präventionsarbeit gegen islamistische sowie andere Formen menschenfeindlicher Ideologien. Erfahrungen von individueller sowie diskursiver Benachteiligung lassen junge Menschen anfällig sein für die Ansprachen von radikalen und salafistischen Predigern und Gruppen.
Im Schulalltag können immer wieder Fragen und Konflikte auftauchen zwischen den rechtlichen Rahmenbedingungen von Schule und den religiösen Bedürfnissen und Ausdrucksformen von Schüler_innen, die eine konkstruktive Lösungssuche fordern. Religiöse Bedürfnisse gilt es zu achten und zu respektieren, solange sie den schulrechtlichen Rahmen nicht grundlegend überschreiten. Dies ist im Schulalltag nicht immer leicht zu entscheiden. Die hierzu gesammelten Erfahrungen und Empfehlungen der letzten Jahren finden Sie in den folgenden Veröffentlichungen, die sich den verschiedenen Fragestellungen im Kontext Schule und Islam widmen und achtsame, aber auch pragmatische Lösungen aufzeigen.

Literatur:

Sanem Kleff (Hrsg.): Islam im Klassenzimmer, Hamburg 2005.

Islam und Schule. Handreichungen für Lehrerinnen und Lehrer an Berliner Schulen – https://www.tagesspiegel.de/downloads/1935352/3/.pdf

Ulrike Hinrichs/Nizar Romdhane: „Unsere Tochter nimmt nicht am Schwimmunterricht teil!“ 50 religiös-kulturelle Konfliktfälle in der Schule und wie man ihnen begegnet, Verlag an der Ruhr 2012.

Sächsisches Staatsministerium für Kultus: Muslimische Schülerinnen und Schüler in Sachsen. Information für Schule, Lehrer, Eltern – http://www.kita-bildungsserver.de/downloads/download-starten/?did=1177

Förderer

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KONTAKT

Bundesmodellprojekt: „Vorurteilsbewusste Bildungsarbeit mit Jugendlichen zu muslimischen Lebenswelten in Ostdeutschland“

Kurt-Eisner-Str. 68 HH
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Tel.: 0341 – 30 39 47 29
Email: modellprojekt@zeok.de
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Das Zentrum für Europäische und Orientalische Kultur verfolgt das Ziel, den kulturellen Dialog sowie das kulturelle Zusammenwirken von Orient und Okzident zu unterstützen, das wechselseitige Verständnis zu erhöhen und das gemeinsame kulturelle Erbe in all seiner Vielfalt darzustellen und zu pflegen.

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